Was hat "sapphisch" mit "lesbisch" zu tun?

Beide Wörter führen zurück auf eine griechische Insel und eine einzige Dichterin: Sappho von Lesbos, um 600 v. Chr. Ihre heutige Bedeutung – Liebe zwischen Frauen – ist aber erst rund 130 Jahre alt.
„Lesbisch“ beschreibt Frauen, die Frauen lieben. „Sapphisch“ ist breiter und schließt alle ein, die Frauen begehren, etwa auch bi- und pansexuelle Frauen.
lesbisch | sapphisch | |
Benannt nach | der Insel Lesbos | der Dichterin Sappho |
Erste Bedeutung | „von der Insel Lesbos“ (ab 1590er) | „auf Sappho oder ihr Versmaß bezogen“ (ab ca. 1500) |
Frauenliebe seit | 1890 (Adjektiv), 1925 (Substantiv, Englisch) | 1890er-Jahre |
Wen es heute meint | Frauen, die (ausschließlich) Frauen lieben | alle, die Frauen lieben: lesbisch, bi, pan, cis und trans |
Quellen: etymonline – lesbian, etymonline – Sapphic, GCN
Sappho: die Frau hinter beiden Wörtern
Sappho lebte um 600 v. Chr. auf Lesbos und schrieb Liebesgedichte, viele davon an Frauen. Von ihrem Werk sind fast nur Fragmente erhalten – und trotzdem galt sie schon in der Antike als die größte Lyrikerin Griechenlands. Platon wird ein Epigramm zugeschrieben, das sie zur Göttin erhebt (Anthologia Graeca 9.506):
Manche sagen, es gebe neun Musen – wie nachlässig! Seht doch: Auch Sappho aus Lesbos ist die zehnte.
Genau ihre Gedichte an Frauen machten Sappho Jahrhunderte später zur Namensgeberin. Zwei Fragmente zeigen, wie offen sie über weibliches Begehren schrieb (eigene Übersetzung aus dem Griechischen mithilfe von KI, Lücken im Papyrus mit „…“ markiert).
Fragment 31: Begehren als Körpererfahrung
"Jener scheint mir den Göttern gleich, der Mann, der dir gegenübersitzt und nah deiner süßen Stimme lauscht und deinem lieblichen Lachen – das hat mir das Herz in der Brust aufgeschreckt.Denn seh ich dich nur kurz an, bleibt mir keine Stimme mehr. Die Zunge ist gebrochen, ein feines Feuer läuft mir sogleich unter die Haut. Mit den Augen sehe ich nichts, es dröhnen die Ohren.Schweiß rinnt an mir herab, ein Zittern packt mich ganz, grüner als Gras bin ich, und es fehlt nicht viel, so scheint mir, und ich sterbe."
Eine Frau beschreibt, wie das Begehren nach einer anderen Frau ihren Körper überwältigt – nicht als Gefühl, sondern als Ausnahmezustand.
Fragment 94: Erinnerung an gemeinsame Nächte
"Viele Kränze aus Veilchen und Rosen … hast du dir an meiner Seite umgelegt,und viele geflochtene Blütengirlanden um deinen zarten Hals …und mit kostbarem Salböl … hast du dich gesalbt,und auf weichem Lager … hast du dein Verlangen gestillt."
Hier geht es nicht mehr ums Sehnen, sondern um Erfüllung: Das griechische pothos heißt „Verlangen“, und es wird ausdrücklich gestillt. Für viele Forschende ist das die deutlichste Stelle über erfüllte Lust zwischen Frauen bei Sappho – auch wenn der beschädigte Papyrus den genauen Zusammenhang offenlässt.
Woher kommt „lesbisch“?
„Lesbisch“ hieß über 2.000 Jahre lang schlicht „von der Insel Lesbos“. Die Bedeutung „frauenliebend“ entstand erst Ende des 19. Jahrhunderts – über einen überraschenden Umweg.
Wann | Was „lesbisch“ bedeutete |
2008 | Drei Bewohner von Lesbos klagen gegen den griechischen LGBT-Verband OLKE: Das Wort solle nur Inselbewohnern gehören. Ein Athener Gericht weist die Klage ab (PinkNews). |
1925 | „Lesbian“ wird im Englischen auch als Substantiv für frauenliebende Frauen belegt. |
1890 | Die Sexualwissenschaft verbindet das Wort mit Sappho: „lesbisch“ steht nun für Liebe zwischen Frauen (etymonline). |
ab 1590er | Im Englischen bedeutet „lesbian“ nur „von Lesbos“. |
Antike | Das griechische Verb lesbiazein heißt „sich wie die Lesbierinnen verhalten“ – gemeint sind sexuelle Initiative und Schamlosigkeit, vor allem Oralsex. Mit Frauenliebe hat es (noch) nichts zu tun. |
Der Umweg ist bemerkenswert:
In der Antike galten die Frauen von Lesbos als sexuell freizügig, nicht als frauenliebend.
Erst als Gelehrte im 19. Jahrhundert Sapphos Gedichte an Frauen neu lasen, bekam die Insel ihre heutige Bedeutung im Wortschatz. Im Deutschen ging die Entwicklung ähnlich. Neben „Lesbierin“ waren lange Begriffe wie „Tribade“ oder „Urninde“ verbreitet, die heute als veraltet gelten. Die Kurzform „Lesbe“ ist umgangssprachlich und wird heute vielfach selbstbewusst als Selbstbezeichnung verwendet (Wiktionary).
Was „sapphisch“ bedeutet
„Sapphisch“ hat drei Leben hinter sich: erst Fachbegriff der Verslehre, dann Fachbegriff der Sexualwissenschaft, heute Selbstbezeichnung einer Community.
Ein Versmaß (ab ca. 1500): Die „sapphische Strophe“ ist eine Gedichtform aus drei langen und einer kurzen Zeile, benannt nach Sappho. Auch Horaz und spätere Dichter nutzten sie.
Liebe zwischen Frauen (ab 1890er): Parallel zu „lesbisch“ wurden „sapphisch“ und „Sapphismus“ zu Begriffen für Frauenliebe (etymonline).
Ein Sammelbegriff (heute): In der queeren Community steht „sapphisch“ für alle, die Frauen lieben – lesbische, bisexuelle und pansexuelle Frauen, cis und trans, aber auch nicht-binäre Menschen (GCN).
Gerade weil das Wort weniger festlegt als „lesbisch“, ist es in den letzten Jahren vor allem auf Social Media beliebt geworden. Es betont das Gemeinsame – Begehren zwischen Frauen – statt einer genauen Identität.
2.600 Jahre in zwei Wörtern
Wer „lesbisch“ sagt, nennt eine Insel. Wer „sapphisch“ sagt, nennt eine Dichterin. Beide Wörter verdanken ihre heutige Bedeutung Sapphos Gedichten an Frauen – und der Tatsache, dass die Community sie sich zu eigen gemacht hat.




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