Testosteronmangel als Grund für den weiblichen Lust-Verlust
- peziherbst
- 17. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Hört man Testosteron, denken die meisten zuerst an DAS Männerhormon schlechthin und es stimmt, dass bei Männern oder Menschen mit Hoden das Testosteron spätestens ab 40 meist langsam weniger wird, aber was viele nicht wissen...
Testosteron ist kein Männerhormon, wir alle produzieren und brauchen es!
Auch Frauen oder Menschen mit Eierstöcken produzieren es ihr Leben lang – in geringeren Mengen als Männer, aber in einer Konzentration, die tatsächlich höher liegt als die von Östrogen. Und:
Ein Abfall des Testosteronspiegels gehört zu den am meisten übersehenen Ursachen dafür, dass Frauen im Laufe des Lebens die Lust auf Sex verlieren.
Bei Frauen wird Testosteron in den Eierstöcken und den Nebennieren gebildet. Es spielt eine Rolle für Muskelaufbau, Knochendichte, Energielevel, Stimmung, kognitive Funktionen – und für die sexuelle Lust. Anders als Östrogen, das in der Menopause relativ abrupt abfällt, sinkt der Testosteronspiegel bei Frauen schleichend und kontinuierlich, beginnend bereits ab Mitte 20 bis Anfang 30. Bis zur Menopause hat sich der Testosteronspiegel häufig bereits deutlich reduziert – ein Prozess, der weit vor den klassischen Wechseljahrsbeschwerden einsetzt und deshalb oft unbemerkt bleibt.

Sexuelles Verlangen ist ein komplexes Zusammenspiel aus Psyche, Beziehung, Stress, Gesundheit und Hormonen.
Testosteron ist dabei einer der biologischen Bausteine, die direkt mit der Fähigkeit zusammenhängen, überhaupt Lust zu empfinden. Sinkt der Spiegel deutlich ab, kann das zu einer sogenannten hypoaktiven sexuellen Luststörung (Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD) beitragen – einem andauernden, belastenden Mangel an sexuellem Verlangen, der nicht durch eine andere Erkrankung, Medikamente oder eine Beziehungskrise allein erklärt werden kann.
Wichtig dabei: Ein niedriger Testosteronspiegel ist nicht bei jeder Frau mit Libidoverlust die Ursache, und ein sinkender Wert allein sagt noch nichts darüber aus, ob eine Behandlung nötig ist. Aber bei Frauen, die unter einem deutlichen, subjektiv belastenden Verlust an sexuellem Verlangen leiden, gehört Testosteron zu den Faktoren, die in der Diagnostik zu selten mitgedacht werden.
Die Studienlage zu Testosteron bei Frauen hat sich in den letzten Jahren deutlich gefestigt. 2019 veröffentlichten mehrere internationale Fachgesellschaften – darunter die International Menopause Society und die International Society for the Study of Women's Sexual Health – ein gemeinsames globales Konsensuspapier zur Testosterontherapie bei Frauen. Die zentrale, evidenzbasierte Empfehlung:
Bei postmenopausalen Frauen mit HSDD kann eine Testosterontherapie einen moderaten, aber nachweisbaren positiven Effekt auf das sexuelle Verlangen haben.
Eine Metaanalyse mit über 8.000 Teilnehmerinnen bestätigte diesen Effekt und die Sicherheit einer solchen Behandlung über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren.
Gleichzeitig ziehen die Leitlinien klare Grenzen: Testosteron wird ausschließlich für die Behandlung von HSDD empfohlen – nicht für andere Beschwerden wie Erschöpfung, Stimmungsschwankungen oder zur allgemeinen "Anti-Aging"-Anwendung, da hierfür keine ausreichende Evidenz vorliegt. Auch DHEA, eine Vorstufe von Testosteron, zeigte in Studien keinen signifikanten Nutzen für die Libido bei Frauen mit normaler Nebennierenfunktion.
Auf jeden Fall ist vor der Behandlung mit Testosteron eine sorgfältige Diagnostik nötig: eine ausführliche Anamnese, den Ausschluss anderer Ursachen und eine Messung des Testosteronspiegels vor Beginn der Behandlung. Da es in den meisten Ländern keine eigens für Frauen zugelassenen Testosteronpräparate gibt, wird häufig auf für Männer zugelassene Präparate zurückgegriffen – in deutlich niedrigerer, an den weiblichen Bedarf angepasster Dosierung, meist als Gel oder Creme zur Anwendung auf der Haut.
Nach Behandlungsbeginn wird der Testosteronspiegel regelmäßig kontrolliert, um eine Überdosierung zu vermeiden. Zeigt sich nach etwa sechs Monaten kein spürbarer Nutzen, empfehlen die Leitlinien, die Behandlung wieder zu beenden.
Leider wird sinkendes Testosteron selten als Ursache für Libidoverlust in Betracht gezogen wird.
Das liegt schlicht daran, dass viele Ärztinnen und Ärzte in ihrer Ausbildung kaum mit dem Thema weibliche Sexualmedizin in Berührung kommen. Hinzu kommt, dass Frauen ihren Libidoverlust häufig nicht von sich aus ansprechen – aus Scham, aus der Annahme, es handle sich um eine normale Alterserscheinung, oder weil sie nicht wissen, dass Hormone dahinterstecken könnten.
Wer über längere Zeit einen deutlichen, belastenden Verlust an sexuellem Verlangen bemerkt, muss das nicht als unveränderlichen Teil des Älterwerdens hinnehmen.
Es lohnt sich, das Thema aktiv anzusprechen – bei einer Gynäkologin, einem Endokrinologen oder einer auf sexuelle Gesundheit spezialisierten Fachperson. Testosteron ist dabei nur ein möglicher Baustein unter mehreren, aber einer, der in der Praxis noch zu selten mitgedacht wird.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Eine Testosterontherapie sollte ausschließlich nach ärztlicher Abklärung und unter fachlicher Begleitung erfolgen.




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