Warum vaginale Atrophie kein Tabu mehr ist
- peziherbst
- 9. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Es ist ein Thema, über das lange kaum gesprochen wurde: die vaginale Atrophie, auch als genitourinäres Syndrom der Menopause (GSM) bezeichnet. Das ändert sich gerade spürbar. Gynäkologinnen wie Dr. Sheila de Liz und Dr. Mary Claire Haver sowie die Urologin Dr. Rachel Rubin machen mit Büchern, Podcasts und Social-Media-Aufklärung darauf aufmerksam, wie häufig das Problem ist – und wie gut es sich behandeln lässt, wenn man es nur anspricht.

Was passiert da im Körper?
Mit sinkendem Östrogenspiegel verändert sich das Gewebe von Scheide, Vulva und unteren Harnwegen: Es wird dünner, weniger elastisch und schlechter durchblutet.
Die Folgen reichen von Trockenheit, Brennen und Juckreiz über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bis zu wiederkehrenden Harnwegsinfekten und Blasenbeschwerden.
Betroffen sind nicht nur Frauen nach den Wechseljahren – schon in der Perimenopause, also der Übergangsphase davor, können die ersten Symptome auftreten.
Studien gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil aller postmenopausalen Frauen betroffen ist, Schätzungen reichen von einem Viertel bis zu drei Vierteln, je nach untersuchter Gruppe und Definition. Trotzdem wird das Thema in der Sprechstunde selten von selbst angesprochen – aus Scham, aus Unwissen, oder weil viele Frauen glauben, es gehöre einfach zum Älterwerden dazu und man müsse damit leben.
Genau hier setzt die Botschaft der genannten Ärztinnen an:
Vaginale Atrophie ist keine Nebensächlichkeit, die man aussitzen muss, sondern gut behandelbar – und zwar meist lokal, also direkt am betroffenen Gewebe, statt über den ganzen Körper.
Bei der lokalen Hormontherapie werden niedrig dosierte Östrogene (häufig Estriol oder Estradiol) in Form von Cremes, Zäpfchen, Vaginaltabletten oder einem Vaginalring direkt in die Scheide eingebracht. Der Wirkstoff bleibt dabei größtenteils lokal begrenzt und gelangt nur in geringem Maß in den restlichen Körperkreislauf. Das unterscheidet diese Therapie deutlich von einer systemischen Hormonersatztherapie, die auf Beschwerden wie Hitzewallungen oder Schlafstörungen im gesamten Körper abzielt.
Dr. Rachel Rubin, Urologin und Spezialistin für sexuelle Medizin, gehört zu den Stimmen, die sich in den USA intensiv für den Abbau von Behandlungsbarrieren eingesetzt haben. Sie war an der Überarbeitung des Warnhinweises auf niedrig dosierten vaginalen Östrogenpräparaten beteiligt und hat sich dafür starkgemacht, dass Ärztinnen und Ärzte lokale Hormontherapie bei GSM aktiver anbieten – auch weil sie unbehandelt zu vermeidbaren, teils schweren Harnwegsinfekten führen kann.
Dr. Sheila de Liz, bekannt durch ihre Bücher "Woman on Fire" und "Light my Fire", thematisiert vaginale Atrophie als eines von mehreren Symptomen eines allgemeinen Hormonmangels in und nach den Wechseljahren, der oft unbemerkt im Hintergrund abläuft. Ihr zentrales Anliegen ist, Scham abzubauen und Frauen zu ermutigen, Beschwerden aktiv bei ihrer Ärztin oder ihrem Arzt anzusprechen, statt sie stillschweigend hinzunehmen.
Warum die Perimenopause ein wichtiger Zeitpunkt ist
Ein Grund, warum das Thema gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt: Viele Frauen unterschätzen, wie früh die ersten Veränderungen beginnen können. Die Perimenopause – die Jahre vor der letzten Regelblutung, in denen der Hormonspiegel bereits zu schwanken beginnt – wird von den genannten Ärztinnen als eine Phase beschrieben, in der frühzeitiges Handeln besonders lohnend sein kann.
Wer erste Anzeichen wie Trockenheit oder unangenehmes Empfinden beim Sex ernst nimmt und ärztlich abklären lässt, kann oft mit vergleichsweise einfachen, gut untersuchten lokalen Behandlungen gegensteuern, bevor sich die Beschwerden verstärken.
Die wichtigste Botschaft, die sich aus der Arbeit dieser Ärztinnen ableiten lässt, ist eigentlich einfach:
Vaginale Atrophie ist weder eine Ausnahme noch ein unabwendbares Schicksal des Alterns, sondern ein medizinisch gut verstandenes und behandelbares Krankheitsbild.
Wer Beschwerden wie Trockenheit, Brennen, Schmerzen beim Sex oder wiederkehrende Blasenentzündungen bemerkt, muss das nicht für sich behalten.
Ob eine lokale Hormontherapie infrage kommt, welches Präparat und welche Dosierung geeignet sind, hängt von individuellen Faktoren ab – etwa von der Krankengeschichte, möglichen Vorerkrankungen oder einer bestehenden Krebsanamnese. Das macht ein Gespräch mit einer Gynäkologin, einem Urologen oder einer entsprechend spezialisierten Fachperson zum wichtigsten ersten Schritt.
Der Auftritt von Ärztinnen wie Dr. Sheila de Liz, Dr. Mary Claire Haver und Dr. Rachel Rubin in Büchern, Podcasts und sozialen Medien hat einem lange tabuisierten Thema sichtbar Raum gegeben. Ihre gemeinsame Botschaft:
Vaginale Atrophie verdient dieselbe unaufgeregte, sachliche Aufmerksamkeit wie jedes andere behandelbare medizinische Problem – und je früher darüber gesprochen wird, desto eher lässt sich Lebensqualität erhalten.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei Symptomen einer vaginalen Atrophie oder Fragen zur passenden Behandlung sollte eine gynäkologische oder urologische Fachperson konsultiert werden.




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